Text Raider oder Die vier Wergedichte

 

 

Text Raider

oder

Die vier Wergedichte

von NobbyShimmy

 

An einem verregneten Tag setzt sich Hänschen vor seine Spielkonsole und probiert ein Spiel aus, das er zum letzten Weihnachten bekommen hat;  und dieses Spiel heißt „Die vier Wergedichte“.

Sobald das Spiel geladen ist, erscheint folgende Anzeige als Vorankündigung:

„Finde die vier Wergedichte, und bringe sie an den Steinquader an! Anschließend wird sich erweisen, ob Du noch gegen den Endgegner mit unbekanntem Namen antreten musst, bevor Du die Schätze erlangst, die hier vergraben liegen!

Jetzt wähle zuerst Deine Spielfigur: Entweder die Einzelkämpferin, Archäologin und Grabräuberin Lori Craft, Blutgruppe 0, verträgt Fleisch sehr gut;  oder die gemeinsam agierenden erfahrenen Dinosaurierkämpfer Gina und Dylan Bobesch, beide Blutgruppe AB, leiden unter keinen Allergien!“

„Bei so einem Spiel werden die Helden viel Fleisch als Nahrung benötigen“, überlegt sich Hänschen und wählt daher Lori Craft als Spielfigur.

 

Während nun auf dem Bildschirm die Meldung erscheint „Lade Winterlevel“, denkt sich Hänschen, dass er den Endgegner einfach Hans nennen wird, zumindest vorerst.

Jetzt aber zeigt sich auf dem Bildschirm eine verschneite Winterlandschaft, und in einiger Entfernung ist ein dunkles Schloss zu sehen. Außerdem ist eine Meldung zu lesen:

„Besiege den Werwolf vor seinem Schloss;  hierfür bist Du mit einem Gewehr und Silberkugeln ausgerüstet!“

Nachdem er diese Meldung weggeklickt hat, bewegt Hänschen seine Figur auf das Schloss zu, zu welchem ein verschneiter Grat führt, der nach beiden Seiten hin steil abfällt. Im Nu ist es auch geschehen: Lori rutscht an einer glatten Stelle aus und stürzt mit einem lauten Aufschrei in den Abgrund zu ihrer Linken; und kurz danach heißt es: „Game over!“

 

Wie es bei solchen Spielen der Fall ist, hat die Heldin beliebig viele Leben und kennt ihre früheren Inkarnationen, ohne sich nach ihrem Karma erkundigen zu müssen. Daher kann Hänschen diesen Level weiter probieren, bis Lori es endlich schafft, heil über die glatte Stelle zu springen;  und bei diesem Spiel ist es möglich, immer den Spielstand zu speichern, wenn es der Spieler gerade möchte, so dass Hänschen diese Stelle, die er schon nicht mehr sehen kann, nicht noch einmal durchspielen muss.

Aber ehe er es sich versieht, hat der Werwolf seine Heldin aus dem Hinterhalt angesprungen und zu Tode gebissen. So muss er noch mehrmals diese Szene durchspielen,  ehe es Lori schließlich gelingt, schnell genug das Herz des Werwolfes mit einer Silberkugel zu treffen. Jetzt aber öffnet sich das Tor zum Schloss;  und nachdem sie es betreten hat, fällt die Tür krachend hinter ihr zu;  und eine Tafel taucht auf, auf der ein Gedicht geschrieben steht:

                       

            Wer hier hereinschneit

            und mit der Tür kracht,

            ist nicht ganz gescheit

            und wird aufs Dach gebracht!

 

Daraufhin ist eine Filmsequenz zu sehen, wie ein Besen auf Lori zugeflogen kommt, sie hochreißt und durch den Schornstein auf das Dach des Schlosses trägt – und dann findet sie sich an dem Quader des Spielanfangs wieder, an dem sie die Tafel mit dem Gedicht befestigen kann.

Hänschen wird nun vor die Wahl gestellt, welchen der folgenden drei Geister er als nächsten besiegen möchte: Den Werkuckuck, den Werjaguar oder den Werhirsch.

„Der Kuckuck dürfte wohl so gefährlich sein wie eine Moorhuhnjagd, daher werde ich mir den leichtesten Level als Verschnaufpause vor dem Endgegner aufheben“, denkt er sich, „und den Werjaguar kenne ich schon vom Hexenspiel, daher nehme ich erst einmal den!“

Nachdem Hänschen diesen angeklickt hat, wird der Sommerlevel geladen; und Lori findet sich in einem Urwald wieder, in einiger Entfernung ragt eine Pyramide empor;  und als Aufgabenstellung steht geschrieben:

„Töte den Werjaguar, und ziehe ihn auf die Pyramide!“

Sobald Lori ein Stück Weges gegangen ist, stürzt sich der Werjaguar ohne Vorwarnung aus dem Hinterhalt auf sie;  und so muss Hänschen auch diese Szene mehrfach durchspielen, ehe er das Geistertier schließlich mit der Silberkugel ins Herz treffen kann.

Der Rest der Aufgabe scheint so einfach, dass er nicht daran denkt, den Spielstand abzuspeichern, sondern gleich seine Beute zur Pyramide zieht. Doch als Lori auf deren Stufen steht, stoßen plötzlich ein paar Geier herab und fressen den toten Werjaguar im Nu auf – so muss Hänschen diesen Level noch ein paar Mal probieren, ehe er schließlich schnell genug mit seiner Beute die Spitze der Pyramide erreicht, wo unter viel Blitz und Donner, so dass man meint, der Apparat fiele gleich aus, die zweite Gedichttafel erscheint:

 

            Wer hier gewittert

            und nicht vor dem Stromausfall zittert,

            ist ein Feind aller ungespeicherten Dateien –

            die werden ihm niemals verzeihen!

 

Sobald sie die Tafel ergriffen hat, wird Lori von einer Gewitterbö vor dem Steinquader abgesetzt, an dem sie das Gedicht anbringen kann.

 

Nun wendet sich Hänschen dem Herbstlevel zu;  und nachdem dieser geladen ist, steht Lori in einer Felsenlandschaft, in dichten Nebel gehüllt, vor ihr ein Abgrund, und auf dessen anderer Seite ein Kreis aus großen, aufrechten Steinen.

Der Abgrund ist zu weit, um über ihn zu springen;  und Hänschen muss Lori eine Weile an seinem Rand entlanggehen lassen, wobei die Heldin auch an einem Besen vorbeigeht, ohne diesen zu beachten;  doch einige Zeit später fällt ihm ein, dass sie auf diesem Besen wieder reiten könnte – und tatsächlich kann sie dann auf ihm über den Abgrund fliegen, zu dem Steinkreis hin, wo sofort der Werhirsch auftritt, der eigentlich harmlos aussieht, wie ein normaler Hirsch – doch auf einmal steht Lori so starr da wie die umstehenden Steine;  und abermals heißt es „Game over“, und als Zusatztext:

„Der Werhirsch hat mit seinem den keltischen oder noch älteren Gottheiten geweihten Geweih Deine Heldin berührt und sie damit zu Stein verwandelt!“

So bleibt Hänschen nichts anderes übrig, als auch diesen Level mehrmals durchzuspielen, ehe er den Werhirsch rechtzeitig mit der Silberkugel an der richtigen Stelle treffen kann – woraufhin eine weitere Gedichttafel erscheint:

 

            Wer hier nebelt

            und die Festplatten aushebelt,

            wird unter diesen begraben,

            darf sich an den Lötmitteln laben!

 

Unter Computerfestplatten wird Lori zwar nicht begraben;  dafür stürzen jetzt die Steine des Kreises um, und der Boden öffnet sich – und dann steht Lori abermals vor dem Quader, an den sie die Gedichttafel heften kann;  und Hänschen darf sich den Frühlingslevel laden.

 

Diesmal befindet sich Lori auf einer blühenden Wiese mit vielen verschiedenen Pflanzen, während sich Hänschen denkt:

„Ein Hirsch ist ja wenigstens noch stark;  aber was soll solch ein Kuckuck schon für ein Gegner sein ...“

Plötzlich fängt die Heldin heftig zu niesen an und reibt sich die Augen, die stark zu jucken scheinen, während sich ihr ein Kuckuck nähert, sie kurz an der Nase berührt und gleich danach wieder verschwindet – kurz darauf jedoch fällt Lori auf den Rücken, und ihre Brust wird auseinandergerissen, weil sich mehrere Vogeljunge aus ihr heraus picken – und als Meldung erscheint:

„Der Werkuckuck hat seine Eier durch die Nase Deiner durch Allergien geschwächten Heldin in deren Brust befördert; und das Ausschlüpfen der Jungen hat ihre Lunge platzen lassen!“

Daher heißt es auch hier wieder: „Game over!“

 

Also muss es Hänschen beim nächsten Versuch schaffen, den Werkuckuck mit dem Gewehr rasch zu töten, was jedoch nicht so leicht gelingt, weil die Bewegungen der Heldin in diesem Level etwas schwieriger sind als vorher, da sie durch Allergien so geschwächt ist – nach ein paar weiteren Versuchen gelingt es aber schließlich doch;  und eine vierte Tafel mit Gedicht erscheint:

 

            Wer hier blüht

            und in den Augen anderer glüht,

            wird von manchen angeniest –

            ein Zeitverschwender, wer solche Zeilen liest!

 

Ein heftiger Windstoß reißt einen großen Grashalm aus, auf dem Lori zurück zu dem Quader getragen wird, wo nun die vier Wergedichte vollzählig beisammen sind – und jetzt erscheint der Endgegner, ein Zyklop, welchem sie bis zur Hüfte reicht und welcher zunächst spricht:

„Wenn du meinen Namen innerhalb von einer Minute errätst, verziehe ich mich kampflos;  anderenfalls wirst du meine Kraft zu spüren bekommen! Mein Name besteht aus zwei Silben: Die erste lautet ‚Wer´, die zweite ist ein Reim darauf! Falls du auf die Lösung kommst, schreibe sie in die sechs Kästchen, dafür brauchst du nur in dem Alphabet darunter die Buchstaben anzuklicken. Und jetzt los!“

 

Während die Minute läuft und der Endgegner vor sich hin trällert:

„Ach, wie gut, dass niemand weiß,

wie ich nun tatsächlich heiß ...“,

 

fällt Hänschen, als der Zeiger anzeigt, dass bereits eine dreiviertel Minute vergangen ist, der Name eines Cousins ein;  und mit den Richtungstasten seines Controllers klickt er die Buchstaben in dem Alphabet an;  und in den sechs Kästchen erscheint nun der Name „Werner“.

 

Nachdem Hänschen dies vollendet hat, schreit der Endgegner:

„Das hat dir der Werweißwer gesagt!“

und entschwindet mit einem lauten Zischen, während sich der Boden öffnet und den Blick auf eine Schatzgrube freigibt. Auf dem Bildschirm erscheint noch ein letztes Gedicht:

 

Deine Heldin hat nun allerhand Schätze zusammengerafft –

leider nur virtuelle – Du aber, Glückwunsch, hast das Spiel geschafft! 

 

 

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